| Ich hasse Kishon oder Ich will auch mal
erster sein Nein, nicht wie sie denken, nicht emotional. Es ist gleich gar kein Antisemitismus. Im Gegenteil: weil Kishon Jude ist, habe ich ihn besonders verehrt. – Allerdings bin ich mir in dieser eigentümlichen besonderen Verehrung weil er Jude ist auch nicht mehr so sicher. Steckt in diesem Philosemitismus nicht auch eine verborgene, heimtückische Möglichkeit des „Anti“? Dergestalt, dass ich den Juden nicht so gewöhnlich, banal, fehlerhaft, boshaft, kleinlich sein lassen will, wie ich das sonst jedem Menschen zugestehe. Er, der Jude, hat überragend, gottesnah, hochbegabt zu sein, sonst, wenn er nun doch ganz gewöhnlich daherkommt, bin ich von ihm irgendwie enttäuscht. – Wo war ich hergekommen? Ach ja, von Kishon Ephraim und meinem Hass auf ihn. Kein Antisemitismus also ist die Ursache und keine Gefühlswallung. Es ist, so widersinnig das auch klingen mag, ein verehrender Hass. Wobei ich das Wort Hass nur gebrauche, um den Kontrast zu Verehrung besonders deutlich zu machen. Anstatt Hass sollte ich vielleicht „wilde Wut“ oder „ratlose Rage“ oder „zitternder Zorn“ sagen. Denn, wo ich auch hindenke, Kishon war schon da. Zu allem und jedem hat er eine Geschichte geschrieben. Nichts kann ich sehen, was er nicht irgendwo und irgendwann schon beschrieben hat. Jeder noch so skurrilen Arabeske der alltäglichen Bürokratie ist er auf ihren verschlungenen Wegen gefolgt. Er hat beschrieben, was jeder kennt: das für keinen brauchbare, darum gerade aber so universal verwendbare Wandergeschenk, das, von Gabentisch zu Gabentisch, die Welt umrundet, um endlich wieder beim Erstspender anzukommen. Er weiß, wie man sich festredet in einem Gespräch und dabei kein anderes Problem hat als auf den Namen des Gegenüber zu kommen, nach dem man sich nicht zu fragen getraut, wobei es dem Gegenüber genau so geht. Kurzum, es ist wie beim Hasen und dem Igel. Mir fällt etwas ein und ich will es aufschreiben, aber da tönt aus dem Kishonschen Kraut: „Ick bün allhie!“ Um mir diese Enttäuschung künftig zu ersparen und um von vornherein schon zu wissen, dass Kishon aufgeschrieben hat, was mir gerade eingefallen ist, habe ich mir ein Buch von ihm auf den Ort gelegt, wo auch der Kaiser allein hingeht. – Daran zweifle ich übrigens. Ich meine daran, dass der Kaiser da wirklich allein hingegangen ist. Die Redewendung in ihrer generalisierenden Form unterstellt ja, auch wenn sie vom Kaiser im Singular spricht, dass jeder Kaiser dorthin allein geht: alle Kaiser gehen immer allein an den Ort. Wahrscheinlich steht dahinter die Vorstellung, dass die Geschäfte dieses Ortes ab einem bestimmten Stande im gesellschaftlichen Leben keine Gesellschaft dulden. Und folglich kann und darf ein Monarch, wie das die Berufbezeichnung schon sagt, nur mono auf den Thron steigen, auch wenn der Thron über einer Latrine errichtet ist. (In dem Falle sollte er für ein Viertelstündchen ins Monarch noch ein kleines S eingefügt bekommen.) Also ich zweifle daran, dass alle Kaiser allein aus Standesgründen die Einsamkeit des Ortes gesucht haben. Und mein Zweifel ist begründet. Natürlich kenne ich keinen Kaiser, der mit mir über seine Ortsgepflogenheiten geplaudert hätte. Ich kenne überhaupt keinen Kaiser. Aber ich kenne honorige Leute, die ohne Not und aus freien Stücken den bewussten Ort gemeinsam aufgesucht haben, um sich dort auch tatsächlich gemeinsam niederzulassen und die Probleme des Lebens zu besprechen und sich davon zu lösen. Ich erinnere mich an den benachbarten Bauernhof aus Kindertagen, in dessen Stallgebäude noch eine zweilöchrige Schlotte, wie wir zu sagen pflegten, vorhanden war. Das Wort Toilette vermieden wir, weil Toilette für das, was die Wirklichkeit bot, kein angemessener Ausdruck war. Auf diese Schlotte gingen nicht der Bauer oder seine Frau. Nein, die hatten sich ein Spülklo – Toilette konnte man auch dazu noch nicht sagen – im Hause eingebaut. Auf die Schlotte gingen anlässlich von Familienfeierlichkeiten die studierten Besucher aus der Stadt. Da gingen der Ingenieur und der Doktor konzentriert-hüpfenden Schrittes, denn man musste den unzähligen Putenschössern - „Schösser“ sagte aus Vornehmheit die Bäuerin - ausweichen, quer über den Hof, um hinter der Brettertür zu verschwinden und auf den Thronen, es waren tatsächlich zwei, Platz zu nehmen. Der Doktor saß oben, der Ingenieur unten, oder umgekehrt. Denn gleichhoch waren die Löcher nicht, sie waren abgestuft. Wohl weniger der Rangordnung als vielmehr der Länge der Beine wegen. Der hohe Thron war eigentlich für die Erwachsenen, der niedrige für die Kinder vorgesehen. Mir in meiner nachbarlichen Betrachtung war es jedenfalls eine kaum vorstellbare Vorstellung, wie zwei erwachsene Männer erst einmal Höflichkeiten austauschen, wer denn wohl diesmal oben sitzen dürfe um, nachdem das geklärt war, die Holzdeckel über dem Abgrund zu entfernen, ihre Hosen auf Wadenhöhe sinken zu lassen und Platz zu nehmen. Aber so geschah es. Einmal wurde diese Session durch ein Missgeschick vor dem Hinsetzen so gestört, dass es gut möglich ist, dass die Störung derartig nachhaltig war, dass dieser gemeinsame Gang heutzutage außer Gebrauch gekommen ist. (Nur bei Mädchen hört man manchmal noch ein leises: „Kommst du mal mit auf Toilette?“) Das Missgeschick war über den Hof zu hören und sein Ausmaß an dem kurzen Ausruf auszumachen: „Halt das Portemonnaie fest!“ Aber solche Rufe kommen immer zu spät. Hier auch. Es war schon verschwunden: Papier zu Papier. Der Lichtkegel einer eilig herbeigebrachten Taschenlampe fand es liegen. Es lag gut und sicher. Es lag auch fast trocken auf einer Fähre von Exkrementen, die mit Zeitungspapier abgedeckt waren. Ein so genannter Schöpper und ein langes Brett brachten die Lederbörse mit viel Geschrei „Mach vorsichtig!“ und „Nicht noch mal rein!“ ans Tageslicht. Ja, wie bin ich jetzt hierher gekommen? Richtig, des Kaisers wegen, der vielleicht doch nicht ganz allein auf den Ort gegangen ist. Und dann war da ja noch der Kishon, dessen Buch ich mit auf meinen Ort genommen hatte. --- Ich werde es nicht mehr weiterlesen. Ich muss nämlich davon ausgehen, dass auf einer der nächsten Seiten eine Geschichte steht, die von zwei Männern handelt, die konzentriert-hüpfenden Schrittes, um den Putenschössern auszuweichen, über einen Bauernhof … Nein, diese Enttäuschung will ich mir nicht antun. Und wenn sie, lieber Leser – und heutzutage muss dazugesetzt werden: liebe Leserin - bei Kishon der gerade erwähnten Geschichte begegnen, dann kaufen Sie bitte die gesamte Auflage auf und vernichten sie sie. Aber sagen sie mir nichts davon. Ich will auch mal erster gewesen sein. Andreas Conzendorf, September 2002 |
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