Pack die Badehose ein

In meinem Falle ist es eine der Marke „Hom“, wahrscheinlich in Anlehnung an das französische Wort für Mann, vielleicht irre ich mich da aber auch, wie ich mich überhaupt mit dieser Badehose geirrt habe. Es handelt sich um eine Badetextilie mit Bein, wenn auch mit kurzem, von mir eigens aus Gründen meines mittleren Alters ausgesucht, um mich mit knapp geschnittenen, tangaähnlichen Badehosen nicht lächerlich zu machen. Wiederum war meine Hose keineswegs ohne Chic, denn es handelt sich um ein französisches Fabrikat. Die letzte Bemerkung ist nicht unwichtig, denn es ist doch anzunehmen, daß eine Hose in ihrem Mutter- oder Vaterland besondere Wertschätzung genießt, zumindest aber mit Toleranz rechnen darf. Im Frankreichurlaub sollte sie zum ersten Mal das Licht gechlorten Wassers erblicken. Aber nicht nur „der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“, auch für Badehosen scheint das zu gelten. Als ich mich in Cluny, dem kirchengeschichtsträchtigen Ort des Mittelalters mit seinem alle Maße sprengenden Kirchenbau der Zisterzienser, dessen Ruinen vergangene Größe nur noch ahnen lassen, dem Freibade näherte, blickte mich neben dem Einlass ein großes Andreaskreuz, das sich über eine symbolische Badehose mit Bein spannte, an. Die Frauen waren schon im Bade und planschten im solarbeheizten Becken. Mein Freund und ich waren nachgekommen. Des Freundes Hose, eine sogenannte Boxershorts – die Bezeichnung läßt freilich keine Rückschlüsse auf seinen Beruf zu, denn er ist Bratscher – seine weitbeinige Hose fiel eindeutig unter das Verdikt im Blick auf bestimmte Hosenschnitte. Wir machten also gemeinsam kehrt, um nach einer anderen, geeigneteren Hose zu suchen. Seine Wahl ließ mich zweifeln, daß es eine gute Wahl sei, denn er griff sich eine seiner Unterhosen, allerdings – ich könnte es beeiden – eine frischwaschene aus 100% Baumwolle.
Ich war sehr schnell im Wasser, mein Freund brauchte etwas länger. Als er aber am Beckenrand erschien, ahnten wir schon kommende Schwierigkeiten: Beim Durchschreiten des Fußbeckens, das wohl einem treuen Freund des Menschen, der landläufig Fußpilz genannt wird, den Eingang ins Bad verwehren sollte, war er so heftig in die Desinfektionsbrühe getreten, daß das Gesäßteil seiner Notbadehose naß und, weil aus Baumwolle, so dunkel geworden war, daß der zwingende Eindruck entstand, ihm sei ein hygienisches Mißgeschick widerfahren. Der kommunale Hosenwächter - in dem Falle eine Wächterin - hatte die Vorgänge sicherlich bemerkt, war aber von der Geschwindigkeit, mit der ich meinem Freund einen Stoß versetzte, doch überrascht. Er lag im Wasser, bevor er daran gehindert werden konnte, mit seiner im doppelten Sinne „verbotenen Hose“ hinein zu steigen. Das Ende war kurz und deutlich: Beide mußten wir mit unseren Beinbadehosen das Bad verlassen, auch ich mit meiner so schicklich-chicen. Da uns die Abkühlung von außen verwehrt war, kühlten wir uns von innen und dachten beim Biere über den geheimen Sinn dieser Regelung nach: Hatte es mit einer alten Ordnung des Klosters von Cluny zu tun, die von der Französischen Revolution ausnahmsweise nicht außer Kraft gesetzt worden war? Hatte vielleicht in der wirren Zeit des Doppelpasttums einer der Avignoner Päpste eine Bannbulle gegen nasse Hosenbeine erlassen? Gab es in Frankreich Krankheitserreger, die ausschließlich in Badehosenbeinen nisten und von denen wir in Deutschland noch nichts gehört hatten? Fragen über Fragen, auf die es keine Antwort gab. – Einen Racheplan haben wir noch geschmiedet, aber aus Feigheit nicht ins Werk gesetzt. Gegen die Badeanzüge unserer Frauen nämlich war ja nichts eingewendet worden. Und eigentlich hatten wir uns vorgenommen, diese Anzüge, die zwar im Beinbereich deutlich weniger, dafür aber im Brustbereich erheblich mehr Material hatten, für einen erneuten Schwimmversuch auszuborgen. – Aber wie das so ist, nach einem Bier in der Sonne kommt sich mancher mutiger vor als er es dann in Wirklichkeit ist. Und außerdem wären uns die Badeanzüge vermutlich auch zu klein gewesen.