Gran Canaria 2000

An einem trüben Herbsttag, der mir schon eine gräuliche Vorahnung auf den Winter gibt, treibt mich der Wind in der Nähe des Rathauses am Schaufenster der Fluggesellschaft Ltour vorbei. Mit halbem Auge lese ich auf einem Bildschirm: „Gran Canaria 298 DM“. – Wie, nur hin, oder auch zurück? Hin und zurück, aber nur der Flug. – So entstand die Idee, erst ganz vorsichtig, aber nach Blicken in verschiedene Reisebücher immer gestalteter: Mit dem Rad auf die Insel des Frühlings. Und zwar mitten im Winter. Wenn hier alles feucht und kalt ist, in der Sonne Afrikas aus dem Flugzeug steigen. Eine panische Lust überfiel mich, es wenigsten für eine Woche zu wagen. Zum Glück habe ich eine Frau, die mir weder Verrücktheiten prinzipiell ausredet, noch auf ein harmloses, wenn auch anstrengendes Vergnügen neidisch ist. Zu Weihnachten lagen 200 Mark in einem symbolischen Minischlafsack unterm Christbaum, „damit du endlich deine Tour auf Gran Canaria machst“.
Ende Januar stand ich bei Ltour am Schalter: „1x  Kanaren, nur Flug, 1 Woche, ab 12. Februar.“ Wenn auch nur von München aus, es war ein Flug zu bekommen. Für 295 Mark, zuzüglich 30 Mark fürs Rad.
Der Reisewetterbericht des Flughafens meldet: Gran Canaria 26 Grad Celsius. – Es rappelt mich vor Lust und Vorfreude.

„Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ – Im Airbus mit 250 Personen an Bord und zwei älteren Damen an der Seite trifft dieses Satz nur eingeschränkt zu. Ich atme  flach und halte den Mund. Ganz gehalten habe ich ihn aber doch nicht. „Sie sind wohl von drüben?“, höre ich in 10000 Metern Höhe vom Mittelsitz. Ich fühle mich ertappt. „Ja, aus der Stadt mit den drei O, Korl-Morx-Stodt.“ Ich will ja den beiden Frauen die Freude nicht verderben, einen richtigen Ossi im Flugzeug entdeckt zu haben. „Ach, aus Chemnitz?!“ Sie kennt sich aus und, wie sich zeigt, besser als zu erwarten war. „Mei Vadda hatte dort eine Schwester, die hatte eine Bäckerei am Küchwaldring.“ – Das „mei Vadda“ der älteren Dame gibt mir Gelegenheit, mich für „von drüben“ zu rächen: „Sie sind wohl von Hessen?“ „Wieso?“ „Na wegen ‚mei Vadda‘.“ „Jo, hört man das immer noch? Ich bin doch schon zwanzisch Johr im Allgäu!“ – Aber nichts weiter gegen die beiden braungebrannten hessisch-allgäuischen Damen, alles was sie nicht essen konnten wurde mir zugeschoben.

16.30 Uhr setzt das Flugzeug auf. Wo ist hier die Gepäckaufbewahrung? – Ich mußte ja die Verpackungskiste vom Fahrrad loswerden. „Gepäckaufbewahrung? - Gibt es in ganz Spanien nicht. Wegen der Terroristen.“ – O Kacke! Wohin nun mit dem Zeug, das ich unmöglich mit in die Berge nehmen kann? Mein Blick fällt auf eine Frau in blauer Uniform: „Wo ist hier Hapag Lloyd?“ „Ich bin Hapag Lloyd.“ – Himmlische Ökonomie! Rührt die spanische Schöne der gealterte Junge? Oder beeindruckt sie der jugendliche Alte? Zwei Minuten später ist alles geklärt. Ich kann meine Kiste im Büro der Fluggesellschaft lassen.
Das Rad ist schnell montiert. 17.30 Uhr starte ich vor dem Flughafen. Kaum zu glauben. Vor wenigen Stunden war mir im langen Mantel kalt, jetzt ist mir in kurzen Hosen warm.
Die Nacht kommt sehr plötzlich, auf afrikanischen Breitengraden ist die Dämmerung nur kurz. Nach 10 Kilometern bergauf muß ich mich schnell für ein Nachtlager entscheiden. In Agüimes beginnt ein Barranco, eine von den vielen tiefen Schluchten, die sich zum Meer hin ziehen. Manche dieser Schluchten sind herrlich fruchtbar und bewohnt, manche sind unwirtlich. Dieser Barranco gehört zwar zu den schönsten der Insel, aber an der Stelle, an der ich nun gerade bin, gibt es nur Steine, Geröll und Kakteen. Die einzige ebene Fläche ist das Dach einer einsamen Garage. Auch gut: ein Zimmer mit Aussicht. Bettruhe 19.30 Uhr. Über mir ein herrlicher Sternenhimmel. Die Nacht aber wird sehr ungemütlich, denn in regelmäßigen Abständen bläst aus den Bergen durch den Kanal des Barranco ein stürmischer Fallwind, und zwar so stark, daß es den Schlafsack aufbläst. Das Zelt wäre wahrscheinlich weggeflogen. So friere ich still vor mich hin. Als ich alles angezogen habe, was an Kleidung zur Verfügung steht, auch die Mütze aufgesetzt und der Schlafsack über dem Kopf zugezogen ist, wird es besser.

7.30 Uhr ist die Nacht zu Ende, denn die Sonne geht auf. – 12 Stunden Nacht, 12 Stunden Tag, das wird der Rhythmus der kommenden Woche sein. Im Hocken nehme ich ein Notfrühstück ein: Brot, Wurst und Wasser.
Es geht gleich richtig los. Die Insel besteht zum größten Teil aus Berg, aber nicht aus einem, sondern aus vielen. Und dazwischen sind Täler. Und da geht die Straße durch. Erst aber geht es nur bergan. Unglaublich, so daß ich am Abend des ersten Tage denke, ich hätte das schlimmste hinter mir. – Heilige Einfalt!
Noch in Agüimes ist mir nach Kaffee zumute. Ein Bistro hat welchen, heiß, groß, con leche, also mit Milch, dazu ein fettiger Kringel, gerollt wie eine Uhrfeder, aber so groß wie ein Kuhfladen. Ich schaffe nur den halben Kringel, die andere Hälfte kommt in die Vorräte. Als es ans Bezahlen geht, schüttelt mir der Wirt kräftig die Hand: „Buenos dias, compagnero!“ Meine Pesetas kann ich stecken lassen.
Bergab, bergauf nach Santa Lucia, bergab, bergauf nach San Bartolome. Bergab, bergauf, mal sehen, wo ich heute vom Rad falle. 33 Kilometer Serpentinen habe ich hinter mir; recht wenig an Strecke, aber die Knie zittern. Der Cruz Grande, ein Pass in 1200 Metern Höhe ist die heutige Wende in die Bequemlichkeit, denn es liegt die Abfahrt vor mir. Das kurze Vergnügen der Abfahrt aber steht immer in keinem Verhältnis zu den Mühen des Anstiegs. Nach 5 Kilometern abwärts treffe ich an einer Straßengabelung einen Mountenbiker, der sich als ortskundig erweist. Er erzählt von einem See im Tale. Auf der Karte war der See auch eingezeichnet. Wie sich aber herausstellt - und das gilt für alle Gewässer der Insel – ist der See kein Badegewässer, sondern eine Art Zisterne für die ziemlich wasserlose Insel.  19 Uhr steht dort mein Zelt auf einer trockenen, herrlichen, von Hasenlorbeln gedüngten Wiese. Die Nacht kann kommen. – Und satt und sauber bin ich auch: Eine canarische Großfamilie, die ihr Wochenende am See verbracht hatte, hat mich mit Salat, Bratwurst, Hähnchenschenkeln, Steaks, Wein, Bier und Kaffe beköstigt. Und duschen konnte ich auch.

Beim Erwachen hörte ich eine Stimme, die sprach: „Sei ruhig, es könnte schlimmer kommen!“ – und ich blieb ruhig und es kam schlimmer. Heute bin ich wahrscheinlich in eine der Herzkammern der Insel gefahren, hoch und runter und wieder hoch und so weiter. Eine wahnsinnig schöne Landschaft. Aber wehe, wenn man, etwa als Bauer, davon leben muß. – Romantische Naturbetrachtungen kann sich nur leisten, der sie sich leisten kann. Ich aber habe laut gesungen „Stern, auf den ich schaue ...“, alle drei Strophen.

Artenara gilt mit 1250 m über dem Meer als der höchste Wohnort der Insel. Viele der Wohnungen sind hier in den Felsen gehauen. Auch die Gaststätte, in der ich 15.30 Uhr die ersten Notizen des Tage mache, ist so eine Höhle. Sie ist nur durch einen Tunnel zu erreichen. Ich leiste mir ein Menü aus kanarischen Minipellkartoffeln, die mit Schale gegessen werden, übergossen mit einer Knoblauchsosse, dann Seebarsch in Koriander und ein Glas Rotwein.
Meinen Plan, auch heute wieder ein Wasser zu erreichen, habe ich verworfen. Die Nacht bleibe ich auf einem Bergplateau, dem Tamadaba, etwa 15 km westlich von Artenara. Aus 1400 m Höhe sehe ich den Atlantik. Und ich höre das Meer rauschen! Kaum zu glauben, so dicht bin ich trotz der Höhe an der Küste. Die Luft ist auch in dieser Höhe immer so feucht, daß die Kanarischen Kiefern – sie sehen wie Pinien aus – alle bemoost und mit Flechten behangen sind, ebenso die Steine. Es sieht aus wie ein Zauberwald. Im Dunst über dem Meer grüßt von Teneriffa her der höchste Berg der Kanaren, der  3718 m hohe Tejde. Ich sitze hier im schönsten Frühling – und habe vor vier Tagen noch das Eis von der Frontscheibe gekratzt.
Am folgenden Abend kurz vor 19 Uhr steht das Zelt. Ich bin platt wie die Flunder, die ich gegen 15 Uhr in Agaete gegessen habe. 76 Tageskilometer sind eigentlich nicht sehr viel und müßten ohne Not zu schaffen sein. Aber den ganzen Tag unter der fast senkrecht stehenden Sonne, so daß kein eigener Schatten mehr zu sehen ist, das zehrt an den Kräften. Zumal ich fast immer in einem  Pullover stecke, um den Sonnenbrand nicht schlimmer werden zu lassen. Dumm, daß ich kein langärmeliges Hemd dabei habe.
Ich lagere übrigens im Barranco de Agaete vielleicht einen Kilometer von meiner gestrigen Lagerstatt entfernt – allerdings Luftlinie. Auf der Straße war es 76 Mal weiter.– Horch! Was summt da? Eine Mücke! Das einzige Tier, das ich auf den Kanaren fürchte. Hier muß irgendwo Wasser sein. Dieser Barranco ist übrigens eine von den üppigen Schluchten. Hier gibt es viele Zitrusbäume, auch Avocados. Und, man staune, auch Kaffee wird hier angebaut.

Gestern war ich platt wie eine Flunder – aber wie eine lebende. Heute bewegt sich nichts mehr. Die von mir erhoffte Uferstraße ging über mehrere Pässe. Ich bin so ausgelaugt, daß ich den Campingplatz „Guantanamo“ in Tauro angesteuert habe. Welch ein Kontrast zu der vornehmen, herrlichen Ruhe der bisherigen Naturlager! Kurz: Eine Nacht auf dem Hundeklo.
Die Westküste der Insel, an der ich mich den Tag über bewegt habe, ist landschaftlich sehr beeindruckend, zum Teil fruchtbar, meistens aber schroff und karg. Hier ist der vulkanische Ursprung der Insel noch erlebbar. Unmittelbar neben der Straße geht es 500 oder mehr Meter fast senkrecht zum Meer hinunter. Den Möwen und anderen Seevögeln kann man im Fluge auf den Kopf spucken. Wer hier die Kontrolle über das Auto oder das Fahrrad verliert, der fällt lang und tief, und er kann anschließend nichts mehr davon erzählen. Auf dieser Westküstenstraße sind den ganzen Tag die Urlauber in ihren Mietwagen, meist Cabrios, unterwegs. Und natürlich schieben auch die gewaltigen, voll klimatisierten Reisebusse ihre breiten Schnauzen hupend um die Kehren. Auf diese Weise erfahren sie die Insel. – Ich glaube aber nicht, daß das wirklich eine Erfahrung der Insel ist, eher nur eine Besichtigung. Zum Beispiel, daß das Wasser eines der Hauptprobleme der Insel ist, bleibt dem Vierradtouristen verborgen. Wasser ist knapp; plätscherndes, lebendiges Wasser ist fast nie zu finden. Es gibt auch nirgends einen Hahn, aus dem Trinkwasser kommt. Der Bus- oder Cabriotourist freilich hat Vorräte dabei, und wenn nicht, dann drückt er aufs Gaspedal und sitzt nach höchstens 15 Minuten in einer Kneipe. Nicht so der Radfahrer. Wasser ist bei der Radtour ein ständiges Thema; es gibt ja nicht einmal einen Teich, in den man die Füße, geschweige denn andere Körperteile halten könnte. Alle auf der Karte eingezeichneten Seen sind entweder gar nicht da, wenn sie aber Wasser haben, dann ist es so grün wie ein Polizeiauto und mit einem Zaun abgesperrt. Der Radfahrer erlebt das existentiell. Das geht so weit, daß ich es vermeide auszuspucken, um möglichst wenig Flüssigkeit zu verlieren.
Genug der Touristikphilosophie. In der Dusche des Campingplatzes habe ich unter einem Stahl kalten Wassers (in Wirklichkeit waren er fünf Strahle) ein Ganzkörperhygieneprogramm durchzuziehen versucht. Nun sitze ich bei der zweiten Flasche Cerveza und bekomme die Gelassenheit, die wahrscheinlich für eine Nacht auf diesem Platz ganz nützlich ist. Morgen aber werde ich in aller Frühe diesen Ort des Schreckens und Dreckens verlassen. Das Thema Campingplatz hat sich erledigt; hier ist dieses Wort wahrscheinlich ein Synonym für Straflager oder Gulag.

Der folgende Tag war überraschend anstrengend, weil eine Straße keine Straße war, sondern sich als 15 km Schotterpiste erwies. Jetzt liege ich zwischen Lavendel und vor einer im Durchmesser vielleicht 10 Meter messenden Wassertonne, einem Brutplatz für Mücken. In der Ferne, aber leider nicht in sehr weiter Ferne, höre ich das Gebell von Hunden, die keinen festen Standort zu haben scheinen, also nicht angeleint sind; und auch noch andere, tieffrequente Geräusche sind zu hören, die ich nicht zuordnen kann.
Zum ersten Mal habe ich heute das „Feuerwasser“ benutzt, das dem beginnenden Wundsein des Körperteils, das dem Sattel am nächsten kommt, entgegenwirken soll. Das Mittel ist noch feuriger als ich es von der Romreise in Erinnerung hatte. Nur gut, daß keine Menschen in der Nähe sind. Ich vermute, die Entstehung des Tarzanschreies geht auf die Anwendung von Ecural-Lösung zurück. Tarzan hat sich folglich gar nicht von Baum zu Baum geschwungen, sondern er war Testfahrer des badischen Forstmeisters Karl Freiherr von Drais, der 1817 den Vorläufer des Fahrrades erfand.
Die Nacht wird bitter kalt, die Füße sind nicht warm zu bekommen. Gut, daß ich mich am Morgen wieder bewegen kann. Einen Kilometer von meinem Nachtlager entfernt trinke ich Kaffe auf einer Kamelfarm. Nun weiß ich, woher die gräulichen Geräusche der letzten Nacht kamen.

19.20 Uhr. „Il Centro“ heißt das Restaurant, in dem jetzt ein Teil der letzten Peseten in Essen und Trinken verwandelt wird, genau gesagt in einen halben Liter Wein, kanarische Schweinshaxe und Ziegenkäse. Nachdem die fette Haxe und der süße Wein friedlich vereint und vom Käse bedeckt in meinem Magen beieinander liegen, ahne ich, daß diese kulinarische Bombe wahrscheinlich etwas zu üppig gewesen ist. In der kommenden Nacht und am nächsten Morgen bestätigt sich diese Befürchtung: Mit einer Rolle in regelmäßigen Abständen perforierten Papiers in der Hand suche ich mehrmals ungewöhnlich schnell hinter großen Steinen Deckung.
Meine Sachen und ich selbst liegen in der Nacht herrlich aufgehoben in drei Metern Höhe in einer Felsenhöhle. Eigentlich wollte ich es an diesem vorletzten Tag der Reise ruhig angehen und ausklingen lassen. Dann aber hatte mich doch der Rappel gepackt: So bin ich noch schnell auf den höchsten Gipfel Gran Canarias, den Pico de la Nieves geächzt. Erst während der 20 Kilometer langen, rasanten Abfahrt habe ich so richtig mitbekommen, wie hoch die 1947 Meter sind. Kurz unter dem Gipfel dieses Berges in der Mitte der Insel hatte im Jahre 1699 der Klerus von Las Palmas einen Schneebrunnen (Poco de la Nieves) 5 Meter im Durchmesser und 15 Meter tief graben lassen. Jedesmal wenn Schnee lag, wurde der zusammengekratzt, in den Brunnen gepackt und mit Stroh abgedeckt. Im Sommer wurde er dann zu einem Schneefest in die Stadt geholt. Darum Pico de la Nieves, kurz Schneeberg, aber nicht „Schniebarg“. Na dann: „Glück auf!“

Ein Tag trennt mich noch von der Abreise. Durchs Telefon habe ich erfahren, daß es in Sachsen solches Glatteis gab, daß Christine auf dem Weg zu ihres Vaters Geburtstagsfeier wieder umgekehrt ist. Ich werde staunen und mit den Zähnen klappern, wenn ich wieder in Deutschland bin. – Die Sache mit dem Frieren in der Nacht habe ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Die im Baedeker behaupteten 16 Grad Nachttemperatur sind sicher auf Meereshöhe bezogen; aber auf 1000 Metern Höhe sind das eben 10 Grad weniger.

Nach 32 Kilometern bin ich am Flughafen. Weiter ist er eben nicht. Ist auch gut so, denn ich müßte jetzt mal einen Tag Pause machen. Die Durchfalltabletten haben mir noch die Fahrt bis ans Ende des Barranco de Guayadeque ermöglicht. An diesem Ende der Schlucht ist mir zum zweiten Male passiert, daß ich als so etwas ähnliches wie ein Pfarrer erkannt worden bin. Und das, obwohl ich auf dieser Tour, verdreckt und verbrannt wie ich bin, doch nun ganz und gar nicht geistlich aussehe. Das erste Mal konnte es sich gestern ein Ehepaar am Nachbartisch nicht verkneifen, Tips abzugeben, was ich wohl sein könnte. Sie kamen bis zu „Lehrer, oder so was ähnliches, aber nicht ganz“. Ich sagte ihnen, sie sollten den Lehrer auf eine Kanzel stellen, dann hätten sie’s. Und heute kam ein recht korpulenter Mittvierziger auf mich zu (wir waren uns am Vortag auf dem Pico de la Nieves begegnet) und sagte mir: „Sie sind doch auch kirchlich sozialisiert.“ – Ich hatte weder laut die Schöpfung oder den Schöpfer gepriesen, noch über meinem Rest Aldisalami ein für Menschenaugen oder –ohren erkennbares Tischgebet gesprochen, noch mich sonst irgendwie religiös auffällig gebärdet. Und doch! Offensichtlich kann auch eine Woche sparsamster Hygiene den Stallgeruch eines Pfarrhauses nicht überdecken. Der Dicke war übrigens ein Priester, der sich im Sorbenland gut auskannte und einige Zeit in Wittichenau gelebt hatte.

15 Uhr, noch eine halbe Stunde bis zum einchecken. Das Rad ist wieder demontiert und verpackt. Ich bin glücklich und matt.

Andreas Conzendorf