| „Romfahrt“ Fahrradtour im Juli 1997 von Andreas und Aaron Conzendorf von Erfurt nach Rom (zum großen Teil) auf der Route, die Luther 1510/11 gelaufen ist. (Buchquelle: H. Vossberg „Im heiligen Rom“, Berlin 1966) Wann diese Reise in meinem Kopf zu keimen begann, ist mir nicht mehr erinnerlich. Wahrscheinlich war ein fruchtbarer Boden durch die regelmäßige Lektüre von Radfahrzeitungen bereitet worden, in denen immer wieder von Radreisen über mehrere Tage, oder Wochen, oder gar Jahre zu lesen war. - „So etwas müßtest du auch einmal machen!“, wird dann mein Unterbewußtes gemurmelt haben. Als nun Christine das Erbe ihrer Mutter auf unsere Kinder und auf eine Israelreise verteilte und mein Geiz mir sagte: „So viel Geld kannst Du in 12 Tagen nicht für dich ausgeben!“, da erblickte die Idee aus dem Unterbewußtsein sehr plötzlich das Licht der Welt: Ich fahre mit dem Rad nach Rom. Wenngleich meine Geschichtskenntnisse sehr lückenhaft sind, so war doch irgendwo die Erinnerung an Luthers Wanderung als Mönch hängengeblieben. Anlaß der Romwanderung Luthers war ein Ordensstreit der Augustinereremiten. Zwischen „Observanten“ (strenge Richtung) und „Konventualen“ (mildere Regelbefolgung) sollte, da sie sich untereinander nicht einigen konnten, der Papst entscheiden. So stieß ich auf das o.g. Buch von Vossberg. Und da war nun kein Halten mehr. Ich kaufte Karten, auf denen ich die „Lutherstrecke“ erst einmal mit dem Finger nachfahren konnte. Und - wie bei einer Schwangerschaft - erst unmerklich, dann immer deutlicher bekam das Kind Konturen, Arme und Beine und ein Gesicht. Meine Eitelkeit in sportlichen Angelegenheiten, zu denen so eine Radtour gehört, leistete zum Gelingen des Projektes einen wichtigen Beitrag. Ich hatte nämlich an so vielen Stelle von diesem Plan geredet, daß es irgendwann kein Zurück mehr gab. Geklärt mußte werden, ob ich die Fahrt allein oder in Gesellschaft antreten sollte. Es gab zumindest Interessenten für die Reise. Aber ich kenne mich (ein bißchen): ich bin nicht sicher, daß es mir gut gelingt, mit anderen drei bis vier Wochen Tag und Nacht zusammen zu sein, ohne auf Mordgedanken zu kommen. Aber da gab es noch einen, der innerhalb der letzten 12 Monate groß und stark geworden war, und mit dem ich gerne die Zeit dieser Reise zusammen gewesen wäre, nämlich Aaron. Und, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte, er ließ sich, ohne überredet werden zu müssen, auf dieses anstrengende Abenteuer ein. Und, was ebenso erstaunlich und erfreulich war, ist, daß Aarons Schule ohne Weiteres den Freistellungsantrag für 10 Tage Ferien vor den Ferien genehmigte. Die Reiseroute hatte ich mir nach dem Buch von Vossberg und anhand der Verkehrskarten mit Kilometerangaben und Übernachtungsmöglichkeiten auf Campingplätzen oder in Jugendherbergen aufgeschrieben. Bei den Kilometern habe ich mich deutlich vertan, denn es war jeweils weiter als geplant; das merkten wir bald. Dennoch haben wir die Strecke gut geschafft, weil wir die errechnete durchschnittliche Tagesetappenlänge von knapp 50 Kilometern oft um das Doppelte, einmal fast um das Vierfache (180 km) übertroffen haben. Zum Ende der Vorbemerkungen noch eine Erklärung. „Luthertour“ klingt ja sehr inhaltsreich. Und „Romfahrt“ klingt so, als ob es ein Pilgerweg gewesen wäre. Um beides ging es nicht und konnte es in der begrenzten Zeit für über 1630 Kilometer gar nicht gehen. Der Weg war das Ziel. Und obwohl wir in der Po-Ebene die geplante Route aufgegeben haben - und auch wenn wir Rom nicht erreicht hätten - die Reise war sehr schön. Und es ist ein stolzes Gefühl, nach einigen Strapazen, nach Wassergüssen, furchtbaren Gewittern, nach Hunger und Durst, nach körperlichen Beschwerden, die fast zum Abbruch geführt hätten, so einen Ritt miteinander durchgestanden zu haben. Reisetagebuch 1. Tag (Montag, 7.7.) Nach der Übernachtung bei Becks in Kölleda starteten wir nach einem kurzen Gebet und mit Christines Rührungstränen vor der Pforte des Erfurter Augustinerklosters, an der Luther am 17. Juli 1505 eingetreten war und durch die er im Herbst 1510 das Kloster in Richtung Rom (allerdings noch mit einem kleinen Umweg über Halle) verlassen hatte. Von Erfurt ging es über Arnstadt und Ilmenau in Richtung Rennsteig. Hier konnten wir gleich Blut lecken: Mit Gepäck die Berge hoch, das ist kein Spaß. Aaron marschierte stramm vorwärts, ich spürte, daß ich ein paar Kilogramm mehr Gepäck aufliegen hatte. - Ich spürte aber auch deutlicher als es mir lieb war, daß ich ein paar Jährchen mehr aufliegen hatte. Was mir beim Radfahren noch nie passiert war, ich bekam Scherzen in beiden Knien. Ein herrliches Gefühl war es, als der Rennsteig passiert war und wir nach Schleusingen rollen konnten. Leider ging es auch nach dem „Ich wandre ja so gerne“ nicht nur bergab. Immer wieder mußten wir uns überwinden, bergan zu treten. Gegen 19 Uhr waren wir dann nach Eisfeld und kurz vor Coburg im evgl. Jugendhaus in Neukirchen angekommen. Hier durften wir unser Zelt aufschlagen und die Toilette und Dusche benutzen. Tages-km: 109.75 Tempo: 16.33 km/h 2. Tag (Dienstag, 8.7.) Wir sind erst kurz vor 10 Uhr gestartet. Die Fahrt über Cobung nach Bamberg war sehr gemütlich, zum Glück für meine Knie, denn die sind immer zu spüren. Schon hier merkte ich, daß meine Kilometerberechnung nicht stimmt, denn es ist immer weiter als geplant. Im Bamberg haben wir zum ersten Mal richtig gegessen - beim Italiener, um für später vorbereitet zu sein. Weiter ging es dann am Main-Donau-Kanal entlang, vorbei an Forchheim bis in die Nähe von Erlangen. Ein Radfahrer gab uns den Tip, es gäbe in der Nähe einen Campingplatz am Dechsendorfer Weiher. So war es auch. Mir taten auf den letzten Kilometern die Knie so weh, daß ich kaum noch treten konnte. Wenn das nicht besser würde, dann wäre die Reise bald zu Ende. Außerdem tat der Hintern weh. Und ich hatte mich an etwas delikater Stelle aufgerieben. Zum Glück hatten wir von Dr. Fromm eine „Radapotheke“ verschrieben bekommen, die hier - und später immer wieder einmal - zum Einsatz kam. (Ecural - Lösung brennt zwar fürchterlich, aber sie hilft.) Tages-km: 107.06 Gesamt: 216.81 Tempo: 18.38 km/h 3. Tag (Mittwoch, 9.7.) Wieder kommen wir erst kurz vor 10 Uhr auf den Sattel. Aaron ist abends nicht auf die Matratze und morgens nicht aus dem Zelt zu bekommen; auch das Packen dauert seine Zeit. Am Kanal ging es weiter bis Nürnberg. Der kurze Abstecher ins Stadtinnere war zwar unumgänglich - man kann nicht einfach an Nürnberg vorbeidüsen -, aber bei solchen Abstechern bleiben ganz schnell zwei bis drei Stunden liegen. Es wird angenommen, daß Luther im Kloster unweit des Frauentores beherbergt wurde. In Schwabach wurde mir bewußt, daß ich meine Knie immer noch nicht spürte. Das Fahren auf dem Damm war natürlich ohne Anstrengung möglich, aber wahrscheinlich ist auch der mittelalterliche Körper noch in der Lage, sich an ungewohnte Belastungen anzupassen. - Gott sei Dank, denn in Schwabach mußten wir nun den bequemen Kanalweg in Richtung Gunzenhausen verlassen. Und es kamen wieder Anstiege, die es in sich hatten. Der schlimmste Berg hatte 12% Steigung - und zur Belohnung auch wieder 12 % Gefälle. Wahrscheinlich war das ein alter Vulkan, denn die Häuser der Umgebung waren alle mit Porphyr oder einem anderen Tuffstein gebaut. Kurz hinter Schwabach lag ein Erdbeerfeld, auf dem wir uns für 4 Mark jeder eine große Schale Erdbeeren pflücken konnten. Wir haben die Schalen dann auf unsere Lenkertaschen geklemmt und während der Fahrt gegessen. Wenige Kilometer weiter spendete ein Dorfbrunnen herrlich frisches Trinkwasser. - Viele Erdbeeren und viel Wasser benehmen sich, wenn man sie im Magen aufeinander losläßt, nicht unbedingt wie Freunde des Menschen. Erstaunlich frisch kamen wir abends in Gunzenhausen auf dem Zeltplatz am Altmühlsee an. Hier beginnt das berühmte Altmühltal. Tages-km: 93.26 Gesamt: 310.07 Tempo: 16.81 km/h 4. Tag (Donnerstag, 10.7.) Am Abend dieses Tages sind wir geschafft wie bisher noch nie auf der Reise, wenn man das nach nur vier Tagen sagen darf. Vielleicht ist es die dauernde Belastung, die an den Kräften zehrt. Es könnte aber auch der Tag mit seinen besonderen Anstrengungen zwischen brütend heißer Sonne, Gewitter und heftigen Regengüssen sein, der uns mürbe gemacht hat. Der Regen begann kurz vor Nattheim und er hat bis Heidenheim nicht mehr aufgehört. Das ganze spielte sich auf der „Schwäbischen Albstraße“ ab, mit langen Anstiegen und ebensolchen Abfahrten, einmal kochen vor Hitze, dann klappern vor Kälte. Ohne Zweifel hat sich Luther später immer wieder an seine Wanderung auf guten und schlimmen Wegen, durch Sonnenschein und Regen (und Schnee), der Ordensvorschrift gemäß schweigend und hintereinander, erinnert. Nördlingen ist eine wunderschöne alte Stadt, die inmitten eines vorzeitlichen, mehrere Kilometer breiten Kraters liegt, der von einem Meteoriteneinschlag herrührt. In und um den Riß-Krater liegen gewaltige Gesteinsbrocken, die wahrscheinlich von dem Einschlag herrühren. In Neresheim liegt auf einem Berg über der Stadt eine imposante Klosteranlage. Hier, so kann man sich vorstellen, haben Luther und sein Begleiter Nachtquartier gefunden. Eigentlich hatten wir vor, nahe Ulm zu kommen, aber in Heidenheim war „der Saft raus“. So sind wir in die Jugendherberge mit Betten, Dusche, Abendbrot und Frühstück eingekehrt. - Auch gut. Tages-km: 85.42 Gesamt: 395.49 Tempo: 18.45 km/h 5. Tag (Freitag, 11.7.) Da kein Zelt abzubauen und kein Frühstück zu richten war, sind wir schon 9 Uhr im Sattel gewesen. Auf den ersten Kilometern begleitete uns eine Wolke, die ihren Segen anfangs tropfenweise, dann mit Kannen und schließlich aus Eimern über uns entleerte. Bei all dem rollten wir auf einer stark befahrenen Straße, die so gebaut war, daß das Wasser zweifingerhoch drauf stehen blieb. Wenn dann die Autos an uns vorbeirauschten, bekamen wir eine Komplettwäsche zum Nulltarif. Da ist manches nicht kanzelbrauchbare Wort über die Lippen gegangen. Aber auch das hatte eine Ende, bzw. eine Pause. In Ulm war wieder ein Italiener in Münsternähe, bei dem wir trocknen und essen konnten. Während des Essens meldete die Wirtin neue Regengüsse. Hoffentlich kommen wir noch bis Biberach. Das Ulmer Münster ist gewaltig, innen wie außen. Mit 161 Metern Höhe hat es den höchste Kirchturm der Welt. Luther hat den Turm freilich nicht besteigen können, denn er wurde erst 1890 vollendet. Für unsere angestrengte Oberschenkelmuskulatur waren die (über 700?) Stufen kein Vergnügen. Aber es ist beeindruckend, diese Bauwerk aus der Hochgotik. Es ist kaum zu fassen, mit welchen Details alles ausgeführt ist, bis zur Spitze. Und im Inneren: sursum corda! (= die Herzen in die Höhe). - Hoffentlich sind Liturgen am Werke, die die gotische Schönheit schätzen und den herrlichen Raum nicht mit trockenem Geschwätz füllen, bzw. leeren. Des Reformators Urteil über solch große Kirchen - das Münster soll 29.000 Menschen aufnehmen können - war zweispältig. Einerseits beeindruckte ihn der Bau, andererseits kritisierte er die für Predigten unmögliche Akustik. Der gleiche Tadel traf auch den Petersdom und den Kölner Dom: Die Zweckbestimmung der Kirchen sei nicht der laute Widerhall der Chorgesänge, sondern die Verkündigung des Wortes Gottes. Von Ulm aus führte uns ein freundlicher Radfahrer etwa 15 Kilometer weit links und rechts der Donau aus der Stadt hinaus. In Laupheim konnten wir das erste Mal auf unserer Reise bei Aldi Einkehr halten. Trocken und noch recht frisch trafen wir gegen 18.30 Uhr in Biberach ein und nahmen wieder in einer Jugendherberge Quartier. Tages-km: 94.50 Gesamt: 489.99 Tempo: 18.56 km/h 6. Tag (Sonnabend, 12.7.) Mit einem wahrscheinlich größeren Umweg fuhren wir nach Bad Waldsee und von dort nach Ravensburg. Kurz vor Bad Waldsee an einem mittleren Anstieg hatten wir die erste Panne, mir riß eine Speiche am Hinterrad. Im Ort hat uns ein freundlicher Fahrradmechaniker kurz vor Feierabend, der hier 12 Uhr ist, die Sache repariert. Dann ging es weiter über Tettnang in Richtung Bodensee. Die letzten 10 Kilometer vor dem Bodensee sind wir entlang des Flusses Argen gefahren; ein erfrischendes Bad kühlte die heißen Muskeln herrlich ab. Unser Ziel war der Lindauer Zeltplatz kurz vor der österreichischen Grenze. Weizenbier und Schrammelmusik haben dann den Abend begleitet. Für den nächsten Tag hatten wir uns die erste Pause vorgenommen. Tages-km: 96.30 Gesamt: 585.85 Tempo: 18.45 km/h 7. Tag (Sonntag, 13.7.) „Du sollst den Feiertag heiligen!“ Der Gottesdienst in Lindau-Zech begann schon 9 Uhr, dennoch war ich da. Ein Vikar war zugange, dessen Predigt gut anzuhören war, aber das übrige war zeitweise etwas unruhig und wirr. Dabei war das verlegene Kopfkratzen bei einer Panne am Altar am eindrücklichsten. Nachmittags waren Aaron und ich mit einem gemieteten 4-PS-Motorboot (45 DM/Stunde) auf dem Bodensee unterwegs. Wenn das Wetter hält und wir genügend Kraft haben, dann wollen wir morgen etwa 100 Kilometer den Rhein aufwärts fahren. Tages-km: 30.57 Gesamt: 616.42 8. Tag (Montag, 14.7.) „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? - Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Dieses morgendliche Pilgergebet war zumindest im Blick auf die Berge einen Tag zu früh gesprochen. Zwar gab es Berge zwischen Lindau und Chur die Menge, aber die, die auf dem Rheindamm unterwegs sind, berührt das nicht. Ich liebe Berge, die einem das Gefühl geben, in den Bergen zu sein, die aber doch keinerlei Gefahr noch Mühe haben. Das, was weiter im Norden der „Alte Vater Rhein“ ist, das ist hier oben noch ein junger, flacher Kerl, der sich aber doch schon ein tiefes Talbett gegraben hat, - oder er hat’s vorgefunden, das weiß ich nicht. Von Bregenz aus, wo wir noch ein kurzes Bodenseebad genommen hatten, wurden wir erst einmal in die Irre geleitet, weil eine Frau kundig tat und einen Fluß „Rhein“ nannte, der doch nur die „Bregenzer Ache“ war. Zum Glück schwante mir nach 10 Kilometern, daß etwas nicht stimmt, so daß wir bald doch noch am Rein waren. Hinter Lustenau konnten wir etwas dazu lernen, daß es nämlich einen „Neuen Rhein“ und einen „Alten Rhein“ gibt. Der alte ist nun nur noch eine Flußaue und ein Paradies für Mücken, Vögel und alles, was sonst stille Wasser liebt. Der Neue Rhein ist ein ausgebauter, beidseitig begradigter und somit recht langweiliger Fluß von eigentümlich zementgrauer Farbe. In Haag rettete uns ein Supermarkt gerade noch vor einem heftigen Gewitterguß. Erst hier wurde uns klar, daß wir, ohne es zu merken, am Fürstentum Liechtenstein mitsamt Vaduz und Balzers vorbeigeradelt waren, weil wir auf der anderen Rheinseite fuhren. Umkehren gab es nicht. Unsere Losung war - mit Nommensen, dem großen Batakmissionar aus Husum - „Tole!“, vorwärts. Kurz vor Chur fing es langsam zu gießen an und wir mußten zum ersten Mal das Zelt im Regen aufbauen. Aaron bringen ja Nässe, Pampe und solcherart Unbill nicht gleich aus der Fassung. Mir aber schlägt das sehr aufs Gemüt. Vor allem, wenn ich daran denke, bei Regen, erschöpft und hungrig durch die Berge zu fahren, denen man von Chur aus nicht mehr ausweichen kann. Luther hat an der Schweizer Alpenlandschaft die Ästethik kaum interessiert. Er hat die Berge vom Standpunkt der Wirtschaftlichkeit recht nüchtern betrachtet, was für den Nachkommen von Bauern auch gar nicht verwunderlich ist, denn er mußte daran denken, daß die Menschen hier vom kargen Boden ihr Leben unterhalten müssen. Die Schweizer Menschen haben Luther mit ihrem Mut und ihrer Redlichkeit und körperlichen Kraft sehr beeindruckt. Daß hier die Männer - und nicht wie er es gewohnt war, die Frauen - die Kühe melken, führte er darauf zurück, daß die Männer bei den geringen landwirtschaftlichen Möglichkeiten nicht genug Ausarbeitung haben, und so noch eine Zusatzbeschäftigung brauchen. Tages-km: 114.21 Gesamt: 730.63 Tempo: 19.31 km/h 9. Tag (Dienstag, 15.7.) Der Start war zäh, denn es mußte noch in Chur eine Speiche eingezogen werden. Und da zu diesem Zweck das Hinterrad ausgebaut werden muß, muß auch gleich noch das Rad abgepackt werden. Solche Starts mit Verzögerung liebe ich überhaupt nicht, sie nehmen den Schwung. Weil das Zelt auch noch klitschnaß war, hatte ich sicher noch ein Kilo mehr drauf als sonst. Das eigentliche Fernziel des Tages, den Julierpaß zu bezwingen, rückte in die Ferne. Und als am Nachmittag auch noch ein Reifen platt wurde, da war es klar: wir würden uns ein Zwischenlager suchen müssen. - Im Rückblick muß ich sagen, daß uns ein Engel die Speiche zerbrochen und den Reifen zerstochen hat, denn sonst hätten wir es vielleicht doch versucht, an einem Tage drüber zu kommen, und das wäre eine furchtbare Schinderei geworden, wenn nicht sogar eine Unmöglichkeit mit Totalerschöpfung. Die Berge sind, wenn sie denn einmal da sind, hoch und lang. Von Chur aus sind wir - auf Grund einer Warnung - nicht auf kürzestem, steilstem Wege nach Tiefencastel gefahren, sondern über Donat/Ems, deutlich weiter, dafür aber moderater. Dennoch mußten wir treten, was die Schenkel hergaben. Meine große Hucke auf dem Hinterrad ist recht nachteilig, da sie das Rad sehr instabil macht; berghoch kann ich kaum aus dem Sattel gehen, um mit Schwung in die Pedale zu treten, weil es dann evtl. den Gepäckträger verbiegt. Von Tiefencastel aus beschäftigte uns ein Berg 5 Kilometer lang ununterbrochen, ein kleiner Vorgeschmack auf den kommenden Tag. Aber trotz aller Anstrengung ist es doch herrlich. Unsere Zelte haben wir für diese Nacht in Savognin am Fluß Julia aufgeschlagen. Hinter dem Fluß, vor unseren Augen erhebt sich eine kolossale Felswand. Bis zum Einbruch der Nacht haben wir mit Aaron Tischtennis gespielt. Die ersten drei Sätze habe ich so klar gewonnen, daß wir beide überrascht waren, dann aber hat er mich eingesackt, daß ich keine Chance hatte. Tages-km: 55.29 Gesamt: 785.92 Tempo: 14.57 km/h 10. Tag (Mittwoch, 16.7.) Die Meinungen auf dem Zeltplatz, wie weit es bis zum Julierpaß sei, gingen sehr auseinander. Die erste Auskunft lautete: „20 Minuten“, aber als wir sagten, daß wir mit den ‘Velos’ drüber wollen, noch dazu bepackt, war große Ratlosigkeit. Die Entfernungsangaben schwankten zwischen 15 und 30 Kilometern. Wir beschlossen, vom Schlimmsten auszugehen, und das war gut so. In Bivio machten wir mit Menü 2 bzw. 4 die erste Rast bei Kilometer 20,5; zwischendurch hatten wir unsere Beine in den Marmoreia-See gehalten, um uns zu erfrischen. An solchen Rast- und Aussichtsstätten gibt es meist Gemurmel, wenn die Leute unsere Fahnen an den Lenkertaschen sehen und „Erfurt - Rom“ lesen. Oft sind wir auch angesprochen worden. Von Bivio bis zum Paß geht es nur noch aufwärts, aufwärts, aufwärts. - Mit der Kraft ist es genau umgekehrt. Und doch haben wir’s geschafft! Nach vielen Windungen kam erst das „Hospiz am Julier“, eine kleine Kneipe mit großen Preisen, dann kam der Paß selbst in Sicht, eingefaßt von zwei römischen Säulen. Das ist also der höchste Punkt unserer Fahrt, 2284 Meter, kein Baum, kein Strauch, nur Steine. Die Nähmaschine in den Beinen rattert zwar, aber es ist ein beherrschbares Rattern. Die Hälfte der Stecke ist in 10 Tagen geschafft, viel schneller als wir es gedacht hatten. Die vielen Auto- und Motorradfahrer, die auch sehr geschwächt taten, wenn sie sich aus den Sitzen oder von der Sitzbank wälzten, konnten wir nur belächeln. Luther hat freilich nicht den Julier-, sondern den Septimerpaß genommen; der ist aber nur noch zu Fuß zu bewältigen, denn von der alten Römischen Straße ist da nichts mehr zu finden. „Runter geht’s leichter als rauf.“ - Der Satz stimmt nicht nur bezüglich des Mittagessens, er stimmt auch in den Bergen. Hätten wir die Bremsen geschont, wir wären wohl leicht bei 80 km/h und mehr angekommen - oder eben auch nicht. So haben wir es bei knapp 69 Stundenkilometern gelassen. Das Ziel der Schußfahrt war Silvaplana. Hier sitzen wir nun auf einem Campingplatz am See, einem Surferparadies dicht bei St. Moritz, umstanden von Bergriesen, die noch in der Sonne glänzen, während wir im Tale schon frieren. Aarons Luftmatratze mußte geflickt werden; ganz dicht ist sie dennoch nicht. Tages-km: 38.86 Gesamt: 824.78 Tempo: 11.08 km/h 11. Tag (Donnerstag, 17.7.) Die Nacht hatte es etwas geregnet, eine Vorwarnung, die wir nicht verstanden. Aber was hätten wir auch machen oder ändern sollen? Am Silvaplanasee ging es ohne Probleme entlang bis zum Malojapass. Von der Schweizer Seite her ist er kaum als Paß zu erkennen - bis es abwärts geht! Und es geht abwärts wie ich es noch nie erlebt habe. Serpentine um Serpentine geht es hinunter, manchmal sieht man die Kurven unter sich wie Treppenstufen, die hinab führen. Sogar bei langsamster Fahrt - und anders ging es oft gar nicht zu fahren - quietschten die Vorderreifen um die Kurven. Am Grunde dieses Tobels lag die letzte Schweizer Stadt, Castasegna. Dort haben wir die restlichen Franken in ein recht kleines Mittagessen verwandelt. Dennoch war dieser Mittagstisch ein guter Ort, denn es war der letzte trockene Fleck des Tages. Das Bindfädenregnen hörte nicht auf. Die einzigen trockenen Abschnitte waren die Tunneldurchfahrten am Comer See entlang. Como selbst zu erreichen, das war so klitschnaß nicht gut möglich. So campierten wir in Menaggio, zwar auf dem Zeltplatz, aber nicht im Zelt. Das Zelt hätten wir direkt in den Schlamm stellen müssen, was sehr schlecht gewesen wäre. Der zugewiesene Platz lag aber neben einem unbewohnten Bungalow mit einer kleinen, überdachten Veranda, winzig, aber trocken. Da war gut sein. Allerdings, wenn es weiter so regnet, weiß ich nicht, wie wir es durchstehen sollen, denn halbnackt durch den Regen fahren, damit die Sachen nicht naß werden, das können wir nicht oft machen, ohne daß wir auskühlen. Außerdem verliert man auf diese Weise sehr viel Energie. Luther hat der Naturwechsel jenseits der Alpen stark beeindruckt, als plötzlich Ölbäume, Zitronen, Pfirsiche und Weinstöcke das Bild der Gegend beherrschten. Dabei war ihm das in der Natur Beobachtete immer Zeugnis und Sinnbild des göttlichen Wirkens, das gleichnishaft das Ewige vor Augen stellt. Der Zitronenbaum, auf dem immer neue Früchte reifen, war ihm ein Gleichnis dafür, daß, wenn ein Zeuge Christi im Kampfe fällt, schon ein neuer herangereift ist. Auch der Gleichklang zwischen Zitrus und Christus soll ihn bewegt haben. - Er muß aber auch bessere Predigtideen gehabt haben. Tages-km: 97.80 Gesamt: 922.58 Tempo: 20.99 km/h 12. Tag (Freitag, 18.7.) Es war ein langer Tag mit ungewissem Ausgang. Die Campingplätze sind in Italien sehr unregelmäßig verteilt. In der Gegend, in der wir jetzt sind, gibt es weit und breit gar keinen. Vom Comer See ging es über Como, Inverigo weiter nach Calusco an der Adda, dann nach Trezzo, Cassano und schließlich nach Treviglio vor die Tür der Kirche St. Francesco. Vor dieser Tür haben wir etwa drei Stunden geharrt und gehofft: Wenn der kleine Franz selbst zum Wolf freundlich war, dann könnte ja sein Pfarrer auch zu einem evangelisch-lutherischen Superintendenten und dessen Sohn freundlich sein. - Einer von den jungen Leuten, die auf dem Gelände umher waren, bemühte sich sehr, den Pfarrer zu finden. Und gegen 21.30 Uhr konnten wir dann in den Jugendräumen unser Lager aufschlagen. Die „Lutherroute“ werden wir aufgeben, denn diese Sucherei nach einem Nachtquartier ist zu aufreibend, als daß ich sie täglich ertragen möchte. Tages-km: 108.81 Gesamt: 1031.39 Tempo: 20.15 km/h 13. Tag (Sonnabend, 19.7.) Die geplante Route ist endgültig verlassen. Ich bin an die Zivilisation gewöhnt. Und der Gedanke an das Nächtigen in freier Natur, durchgeschwitzt, ohne Dusche, ohne Trinkwasser, von Mücken umtanzt, von Käfern umlagert, die ins Ohr kriechen wollen - nein, all das ist nicht angenehm und gar kein Urlaub. Von Treviglio sind wir nach Crema und Piacenza gefahren, um dann am Fuße der Apenninen in Rivergaro den Zeltplatz zu erreichen. In Piacenza haben wir für je 18.000 Lire ein Menü mit allem Drum und Dran gegessen. Auf dem Zeltplatz heben wir von Nachbarn zwei Mal zu Essen angeboten bekommen, außerdem hatten wir an jedem Supermarkt zum Essen und Trinken gehalten. Kurz, so viel wie an diesem Tage haben wir sonst nicht in einer Woche gehabt. Das Regenwetter scheint übrigens zu Ende zu sein, heute war ein herrlich warmer, fast heißer Tag. Für morgen, Sonntag, wollen wir es wieder etwas langsam angehen lassen und nur einen Teile der Apenninen durchfahren, nach Marsaglia. Tages-km: 89.02 Gesamt: 1120.41 Tempo: 20.18 km/h 14. Tag (Sonntag, 20.7.) Da wir in Italien sind, bestand der Sonntagsgottesdienst aus einer Lesung und einem Gebet aus dem Brevier. Neben uns zelteten mehrere Leute verschiedenen Alters, die am Abend vorher sehr zugänglich gewesen waren. Am Morgen standen sie nun plötzlich sehr ordentlich gekleidet vor ihren Zelten, jeder mit einem Konferenzkärtchen am Jackett oder der Bluse. - Es waren Zeugen Jehovas, die entweder tatsächlich eine Konferenz hatten, was ich aber des Zeltplatzes wegen bezweifle, oder die zum Einsatz an die Kirchtüren gingen, was ich vermute. Die Fahrt durch die Apenninen ist bisher sehr leicht, alles ist ohne Not zu schaffen, nicht steiler als die Annaberger Straße. Erschwerend ist nur die Hitze. Aber wir wollen uns nicht über Sonne beschweren, nachdem uns der Regen so beschwert hatte. Das Tagesziel war nur kurz gesteckt: über Bibbio nach Marsaglia am Fluß Trebbia. Hier läßt es sich herrlich baden. Die Apenninen sind eine berauschende Gegend: völlig grüne, sehr steile Berge mit tiefen Schluchten. Tages-km: 39.69 Gesamt: 1160.10 Tempo: 17.79 km/h 15. Tag (Montag, 21.7.) Wir sind spät gestartet, denn wir mußten erst noch eine Runde Steine „zitschern“ und natürlich in der Trebbia baden. Der heutige Weg durch die Apenninen ging ständig bergan, aber längst nicht so heftig wie in den Alpen. Die Berge und Schluchten beeindrucken sehr, wohl auch, weil alles viel näher beieinander ist als in den Alpen. Nach etwa 30 Kilometern bergan war der Forcellapaß (876 m) erreicht. Vom Paß an ging es mindestens 15 Kilometer ohne einen Tritt bergab. Schließlich kamen wir sehr hungrig und durstig in Chiavari am Mittelmeer an. Wir sind von Erfurt in genau zwei Wochen mit dem Rad zum Mittelmeer gefahren! Ein paar Kilometer ging es noch in Richtung Rom, bis Sestri. Hier habe ich telefonisch erfahren, daß Frau Rossi nicht in Rom sein wird, wenn wir hinkommen. Sie fährt nach Chemnitz, um sich an der Hüfte operieren zu lassen. Nun weiß ich nicht, wo wir in Rom bleiben werden. Ich hatte sehr auf Frau Rossis Hilfe gehofft, denn sie ist sprachgewandt und kennt Rom. Tages-km: 83.22 Gesamt: 1243.32 Tempo: 18.31 km/h 16. Tag (Dienstag, 22.7.) Alle Wetter, der Tag war viel schwerer als erwartet, denn es ist nicht möglich, von Sestri nach La Spezia mit dem Fahrrad an der Küste entlang zu fahren, denn da geht es nur durch Tunnel, die für Radfahrer gesperrt sind. - Das ist gut und rücksichtsvoll ausgedacht: die Autos fahren flach an der Küste entlang, die Radfahrer müssen auf einem Umweg über die Berge. Und die Berge waren nicht von Pappe. Es ging fast 50 Kilometer bergan. Das zehrt an den Nerven. In den Alpen waren wir ja moralisch darauf eingestellt, aber hier an der Küste hat uns diese Tortur an einem heißen Tag kalt erwischt. So waren die Berge doppelt schwer. Ein kleiner Trost zwischendurch waren immer wieder die Ausblicke. In Richtung La Spezia ging es dann natürlich bergab. Aber auch nach der Stadt ging es nicht gleich ans Meer, sondern wieder durch hügeliges Gebiet. Etwa 5 Kilometer vor dem Meer kauften wir an einem Straßenstand zwei Pfirsiche und Pflaumen. Wahrscheinlich sahen wir so elend aus, daß uns die Verkäuferin und anschließend noch eine Kundin mit Pfirsichen beschenkten. - Tante grazie! In Marina di Carrara lenkten wir endlich auf einen Campingplatz ein: unverschämt schlecht, dafür aber unverschämt teuer. Das Mißverhältnis ist geradezu peinlich. Und dennoch ist der Platz proppenvoll. Völlig neu: Aaron ist geschafft - allerdings nur für zwei Stunden. Tages-km: 87.96 Gesamt: 1331.28 Tempo: 17.25 km/h 17. Tag (Mittwoch, 23.7.) Es sind wahrscheinlich 40° C im Schatten, die enorme Hitze ist nur im Fahrtwind zu ertragen. Sobald wir anhalten, fließt der Schweiß in Strömen. Er fließt vermutlich auch während der Fahrt, nur trocknet da alles schneller. Der Flüssigkeitsverlust ist nicht zu unterschätzen. Zum Glück haben wir Magnesiumtabletten mit, die wir schon seit den alpinen Anstrengungen früh und abends nehmen. So kommt es zu keinen Muskelkrämpfen. Auf jeden Fall merke ich, daß eine Nacht zum Erholen für den Körper nicht ausreicht. Wir haben ja auch keinen Masseur mit, der uns abends durchknetet. Masseusen würden wir vielleicht finden, auf jeden Fall Aaron, der als blonder Jüngling auf die Mädchen wie ein überreifer Käse auf Fliegen wirkt. In Richtung Rom haben wir heute das beeindruckende Pisa durchfahren. Auf Ansichtskarten sieht der „Schiefe Turm“ nur schief aus, aber in Wirklichkeit ist er so schief, daß ich nicht mehr hochsteigen würde. Rings um Turm und Dom tummelt sich eine gewaltige Menschenmenge. Eingerahmt wird das würdige sakrale Ensemble von 100 Andenkenbuden. An einer dieser Buden hat Aaron eine Kappe von 30.000 auf 16.000 Lire heruntergehandelt.- Eine afrikanische Kappe, gekauft von einem Neger am Schiefen Turm von Pisa als Andenken an Italien - sehr typisch! Der heutige Zeltplatz heißt „Miramar“, wie das Lokal auf dem Schloßberg. Die Hitze auch nachts um 2 Uhr ist derartig drückend, daß ich im Zelt Atmnot bekam und zwei Mal zum Duschen gehen mußte, um wieder zur Besinnung zu kommen. Auch Luther hat das italienische Klima für „subtil“, d.h. gefährlich gehalten. Tages-km: 86.07 Gesamt: 1417.27 Tempo: 19.42 km/h 18. Tag (Donnerstag, 24.7.) Am Ende des Tages sind wir am Ende mit den Kräften. Es ist deutlich zu spüren, daß die Reserven aufgebraucht sind, daß die Erholung zu kurz ist, daß das Ziel herbeigesehnt wird. Auch Aaron ist die Erschöpfung anzumerken, obwohl er sich viel schneller erholt als ich. Heute ging es von Livorno weiter auf der via aurelia in Richtung Süden, meist an der Küste entlang. Den Weg säumten Pinien, Oleandersträucher, Ölbäume und Schilfgebüsche von mindestens vier Meter Höhe. In jedem Straßenbaum sitzt eine Zikade und macht einen ungeheuren Lärm. Auch hier auf dem Platz in La Rochette sägt und zirpt es von allen Seiten. - Manchmal hören alle zusammen schlagartig auf, dann ist eine Stille, als flöge ein Engel durchs Zimmer. Tages-km: 104.39 Gesamt: 1521.66 Tempo: 19.50 km/h 19.Tag (Freitag, 25.7.) Heute zittert jeder Knochen und vibriert jeder Muskel. Und die letzten Kilometer sind wir wohl in Trance gefahren. Gestern dachten wir, die Kraft geht zu Ende, und heute dieser Gewaltritt. Aus welcher verborgenen Reserve wir die Energie genommen haben, ist uns unklar. Nach einer furchtbaren Gewitternacht in La Rochette (20 km nach Follonica), in der ich ans Sterben dachte und um Vergebung der Sünden seit der letzten Beichte bat - ein Blitz hatte so dicht eingeschlagen, daß auf dem Platz alle Lichter ausgingen - sind wir am Morgen naß gestartet. Den Wind im Rücken ging es flott vorwärts. Ein neuer Tagesrekord von etwa 120 Kilometern lag nahe. Und wir wollten auch auf mindestens eine Tagesentfernung an Rom herankommen, um am Sonnabend evtl. am Ziel zu sein und am Sonntag den deutschen Gottesdienst besuchen zu können. Die ersten Kilometer ging es durch Pinienwälder, die von Zikaden behaust oder belagert waren. Der übliche Ausdruck „zirpen“ ist bei weitem zu schwach für den Wahnsinnskrawall, den diese Schrecken mit ihren Flügeldecken und Hinterbeinen veranstalten. Von Grosseto aus fuhren wir auf einer Art Autobahn (via aurelia) mit großem Tempo voran. Neben der Straße ragten an einer Stelle Blütenstengel von vielleicht drei Meter Höhe aus drei Stauden (Agave oder Aloe) hervor; dazwischen hat sich Aaron sogar freiwillig zum Fotografieren gestellt. Als wir bei den gewünschten 120 Kilometern waren, gab es plötzlich keine Campingplätze mehr. Wir fuhren in die einbrechende Nacht hinein. Etwa 35 Kilometer vor Rom fand sich dann doch noch ein Platz direkt am Meer, mit moderaten Preisen und einer Pizzeria, in der ich meine Tagesaufzeichnungen machen konnte. - Da hatten wir 180 Kilometer heruntergespult. Tages-km: 180.73 Gesamt: 1598 Tempo: 24.50 km/h 20. Tag (Sonnabend, 26.7.) Am 20. Reisetag um 11.15 Uhr stehen wir beim Kilometer 1632 auf der via aurelia am Ortseingangsschild von Rom, braungebrannt, wund an mancher Stelle, mit drei Fahrradschläuchen voll Heimatluft, kaum noch einem sauberen Kleidungsstück, jeweils um 5 kg leichter, dafür aber mit je 50 Kilo Stolz bepackt. Quartier haben wir in der Ev.-Luth. Gemeinde in der via toscana 7 gefunden. Wir lagern hier im Keller in einem Gästezimmer. Wir haben es tatsächlich geschafft, in 20 Tagen bis Rom zu kommen. Heute will ich noch auf dem Bahnhof wegen der Rückfahrmöglichkeiten nachfragen. Morgen gehen wir in den Gottesdienst und anschließend in die Stadt. Tages-km: 45.44 Gesamt: 1643.44 Tempo: 20.19 km/h 21. Tag (Sonntag, 26.7.) Zum Gottesdienst waren sehr wenige beisammen, aber im Sommer soll das in Rom normal sein, da vor der Hitze flieht, wer fliehen kann. Hinter uns saß ein Paar, das anschließend getraut wurde, neben uns saß ein deutscher Botschafter. Nach dem Gottesdienst sind wir zu einem kulturellen Schnellprogramm in die Stadt gefahren. Um Rom wirklich anzusehen, wären 14 Tage sicher nötig. Da wir nicht genügend Zeit hatten, und da Aarons Geduld in Sachen Kultur auch nicht sehr ausgeprägt ist, ist es bei Stippvisiten geblieben. Vielleicht komme ich noch einmal mit mehr Zeit nach Rom. Alles in Rom ist von monumentaler Größe. Fast nichts hat normales Maß. Ich bin keinem einzigen kleinen Haus begegnet, aber vielleicht habe ich’s vor lauter Statuen, Monumenten, Kirchen, Bäder und Tempeln auch nur übersehen. Trevibrunnen: Anita Eckberg war gerade nicht baden, trotzdem waren tausend Leute da und warfen Münzen über die Schulter ins Wasser, andächtig-verlegen grinsend. Castell St. Angelo: (Engelsburg) gewaltig, aber der Petersplatz zog schon so mächtig an, daß dafür kaum Aufmerksamkeit blieb. Ursprünglich ein Mausoleum des Kaisers Hadrian (gest. 138. n. Chr.), später Burg mit Kerker und päpstliches Bollwerk. Sie behrrschte den Eingang zur Papststadt. Petersplatz und Dom: Diese Größe ist für mich kaum noch als Kirche wahrnehmbar. Alles ist monumental, jede Figur, jeder Altar. Die cathedra petri ist von solche Wucht, daß ich mir dachte ... na ja, man muß nicht alles sagen oder schreiben - und immer noch einräumen, daß das, was man denkt, auch kleinlich oder falsch sein kann. Aber sagen darf ich vielleicht, daß mich die Schloßkirche in ihrer erhabenen Schlichtheit eher aufs Knie zwingt als dieser gewaltige Tempel. Andere freilich waren tief ergriffen und in ihre Andacht versenkt. (Und eine Menschenschlange hatte sich beim Petrus angestellt, der als doppeltlebensgroße Figur an einem gewaltigen Pfeiler saß; die Menschen standen an, um an des Petrus ehernen Fuß zu fassen und sich dabei von mitgereisten Touristen fotografieren zu lassen.) Auf die gewaltige Kuppel der Petersdomes führte wenigstens bis zur Hälfte ein Fahrstuhl. Den Rest mußten wir steigen, um dann von oben Rom zu besehen und dem Papst in den vatikanischen Garten zu gucken. Als Luther die Peterskirch betrat, überschnitten sich gerade die zum größten Teil noch stehende Anlage von der alten Kirche und der noch im Anfang befindliche neue Plan von St. Peter. Vom Petersplatz aus fuhren wir dann zu den Thermen des Caracalla, die an diesem Tage leider nicht zugänglich waren. Aber auch von außen war alle so gewaltig groß, daß ich mir nicht vorstellen kann, was diese riesigen Mauern in ihrer enormen Breite und Höhe beherbergten. Aber vielleicht hatten die römischen Patrizier und Senatoren in der Hauptsache zu baden und sich zu verlustieren. Neben dem Konstantinbogen erhob sich dann das Colosseum. Der erstere ist groß, das letztere ist, wie es der Name vermuten läßt, wiederum kolossal, wie fast alles in Rom. 22. Tag (Montag, 27.7.) Die Fahrkarten hatten wir schon am Vortag gekauft, sie waren billiger als befürchtet: etwa 280 DM incl. Fahrräder von Rom über Florenz nach München. Von München bis Chemnitz hat es dann noch einmal (Familiencard) 142 DM gekostet. Der Zug in Rom fuhr erst 16.20 Uhr ab. Wir konnten uns also noch etwas für den Tag vornehmen. So fuhren wir hinaus auf die via appia antica, eine der ältesten Straßen der Welt, auf der schon Spartakus gekreuzigt wurde. An einer Weggabelung steht die Kapelle „Quo Vadis“, deren Legende Henryk Sienkiewicz im gleichnamigen Roman ergreifend in einen Roman gefaßt und für den er den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. In der Kapelle steht die Büste des Dichters - und auf dem Fußboden liegt eine etwa 50 x 50 cm große Marmorplatte, auf der ein Fußpaar wie in weichen Sand eingedrückt ist: Petrus habe vor dem Martyrium aus Rom fliehen wollen. Da sei ihm der Auferstandene auf der via appia entgegengekommen, und Perus habe gefragt: „Quo vadis, domine?“( = Wohin gehst du, Herr?) Und Jesu habe geantwortet: „Nach Rom, um mich abermals kreuzigen zu lassen.“ (= die Fußeindrücke, die in Richtung Rom zeigen) Daraufhin sei Petrus nach Rom umgekehrt. Sehr traurig war, daß die Katakomben gerade schlossen als wir ankamen. Und wir konnten nicht warten bis halb drei, da wir zum Zug mußten. Halb fünf rollte dann der Zug in Richtung Florenz. Dort mußten wir umsteigen in den Zug, der von 21.30 Uhr bis 6.35 Uhr nach München fährt. Und um 9 Uhr saßen wir schon im Zug nach Chemnitz. Und hier sind wir gegen 15 Uhr angekommen. Wir sind braungebrannt, etwas abgemagert und glücklich, etwas Außergewöhnliches gewagt und durchgestanden zu haben. Und wir sind froh, daß wir an Leib und Leben behütet worden sind. |
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